Familie Kohn / Silberberg
Die Straßenszene, die Ahron Arnold und Emma Kohn sowie deren Tochter Gerda Kohn und einen Familienfreund vor einem Werbeschild für eine Gastwirtschaft in Blankenese um 1930 zeigt, versinnbildlicht die Verwurzelung der Familie im gutbürgerlichen Hamburger Elbvorort Blankenese. Die Familie Kohn hatte 1922 ein Haus in der Straße Kahlkamp 1A erworben, dieses fertig gebaut und damit ein familiäres Zuhause geschaffen.
Die ersten Fotos zeigen das Leben in Hamburg-Blankenese...
„Fotos – ohne Manipulation und fake news! – sind die Verewigung einer Realität.“
(Claudio Silberberg über die Zentralität der Bewahrung des visuellen Erbes seiner Familie, 2025)
Neuanfang in São Paulo / Brasilien
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme begannen die Ausgrenzungen, Verfolgungen und Vertreibungen im gesamten Land, sie trafen auch die Familie Kohn. Die schwierige Frage des „Gehens oder Bleibens“ beantworteten zuerst die Töchter mit ihrer Flucht: 1936 wanderte Gerda Kohn nach Brasilien aus und heiratete im September desselben Jahres Walter Silberberg, der bereits einige Monate zuvor nach São Paulo geflohen war. Else Kohn wiederum emigrierte ins britische Mandatsgebiet Palästina (später Israel). Mitte 1940 konnte sie ebenfalls nach Brasilien einwandern und sich ihrer Familie dort anschließen. Ahron Arnold und Emma Kohn folgten ihrer Tochter Gerda 1939 nach Brasilien.
Ahron Arnold und Emma Kohn in São Paulo / Brasilien gegenüber ihrer Wohnung, 1939 / 1940. Signatur PER00801
Hochzeitsbilder von Walter und Gerda Silberberg (geb. Kohn) in São Paulo / Brasilien, 1936. Signatur PER00800
Ein Schritt, zu dem sie sich aufgrund der zunehmenden rassischen Ausgrenzung und Verfolgung durch das NS-Regime entschieden. Am 10. Januar bzw. am 14. April 1939 traten sie über den Hamburger Hafen die lange Schiffsreise nach Brasilien an. Das Haus in Kahlkamp 1A und ihr altes Leben ließen sie zurück. Die in Hamburg verbliebenen Familienmitglieder kamen – mit sehr seltenen Ausnahmen – im Holocaust um.
Ahron Arnold Kohn mit seinem Enkel Claudio Silberberg in São Paulo / Brasilien, ca. 1944. Signatur PER00802
Claudio Silberberg mit Hund in São Paulo / Brasilien, ca. 1946. Signatur PER00851
Erinnerung und Wiederbegegnung
Die Bilder, die sie mitnahmen, entwickelten sich zu wichtigen Erinnerungsobjekten in den Familien Kohn und Silberberg, die sich ihr Leben in São Paulo neu aufbauten. Trotz der erfolgreichen Integration in die brasilianische Gesellschaft und Kultur blieben die Erinnerungen an das ehemalige Zuhause in Blankenese bei Ahron Arnold und Emma Kohn, aber auch in den folgenden Generationen präsent. 1970 besuchten Walter und Gerda Silberberg im Rahmen einer Europareise und auf Einladung des Hamburger Senats ihr „Blankeneße“ wieder – eine Rückkehr konnten sie sich aber nicht vorstellen.
„Da meine beiden Familienteile – Kohn/Blankenese und Silberberg/Eppendorf, bis zur ihrer Auswanderung dort gelebt haben – ist Hamburg ein bedeutender Punkt in unserer Familiengeschichte. Die Ausdrücke ‚Hummel! Hummel! – Mors! Mors!‘ und ‚Scholl’n, lebendige Scholl’n‘, die meine Großmutter Kohn hörte, wenn die Fischer an der Landungsbrücke an der Elbe ankamen, sind bis heute für mich ein Begriff.“
(Claudio Silberberg über die Rolle Hamburgs im Familiengedächtnis, 2025).
Walter und Gerda Silberberg während eines Hamburg-Besuches, 1970. Signatur PER00803
Die Fotos stammen aus dem Familienarchiv Claudio und Vivian Silberberg und sind Teil des Publikationsprojektes „Visualizing the Past – Creating the Future: Familienfotos – Familiengeschichten“.