Familie Freundlich / Estis
Erika Estis, geborene Freundlich, kam am 14. November 1922 in Hamburg als Tochter von Paul Freundlich und Irma Freundlich (geb. Beith) zur Welt. Ihr Vater führte die Hansa-Apotheke in der Fruchtallee im Stadtteil Eimsbüttel. Die Wohnung der Familie befand sich im selben Haus. Ab 1929 besuchte Erika die Israelitische Töchterschule in der Karolinenstraße. Ihre Mutter stammte aus der Familie Beith, die in Wandsbek eine bedeutende Rolle in der dortigen jüdischen Gemeinschaft spielte. Die Familie war tief in der religiösen und sozialen Struktur der Gemeinde verwurzelt, was auch das Leben der Familien in Hamburg prägte.
Die ersten Fotos zeigen das Leben in Hamburg...
Flucht
Bis zur Reichspogromnacht im November 1938 hatte sich die Situation für die Familie so verschärft, dass sich die Eltern entschieden, die erst 16-jährige Erika mit einem Kindertransport nach Großbritannien zu schicken, um sie so vor der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik zu schützen und ihr eine Fortsetzung ihrer Ausbildung zu ermöglichen. Am 14. Dezember 1938 verabschiedete sich die Familie am Altonaer Bahnhof voneinander. Auch ihre drei Schwestern Ingeborg (1911), Hildegard (1913) und Gerda Ruth (1914) flohen aus Deutschland. Den Eltern gelang die Flucht nicht. Paul und Irma Freundlich wurden am 11. Juli 1942 von Hamburg nach Auschwitz deportiert und dort direkt nach ihrer Ankunft ermordet.
Neuanfänge und Familie in den USA
Nach dem Krieg wanderte Erika Freundlich in die USA aus, um in der Nähe ihrer Schwestern sein zu können. Dort lernte sie auch ihren Mann Samuel Estis kennen und bekam drei Kinder, Denise, Kim und Wayne, mit ihm.
„Our visits to Hamburg have filled in many gaps in family history and made real our connection among names on plaques an other remembrances.“
(Denise Rosenberg. Kims Estes-Fradis und Wayne Estes über die Bedeutung der Besuche in Hamburg für das Verständnis der Famiiengeschichte, 2025.)
Familienfoto an Erika Estis' 100 Geburtstag, 2022. Signatur PER00787
Erinnerungsarbeit
Erika Estis besuchte häufig ihre Heimatstadt Hamburg und engagierte sich intensiv in der Erinnerungsarbeit. Im Juli 2020 erhielt sie die deutsche Staatsbürgerschaft zurück, ein Akt, der für sie von besonderer Bedeutung war. Erika Estis verstarb am 14. Januar 2023 im Alter von 100 Jahren.
„This photo project helps to organize a life story. From the family gathered to celebrate Aunt Cora's wedding, to a smaller but vibrant and growing branch of that same family. Mom's wish would be that we continue to remember the lessons of that terrible time. She would comfort her audiences of young people she spoke to in Hamburg, telling them not to be sad. She survived due not only to good luck but to good people who did good things during that most terrible time.“
(Denise Rosenberg. Kims Estes-Fradis und Wayne Estes über die Bedeutung des Erinnerungsprojektes und die Verantwortung gegenüber der Vergangenheit, 2025.)
Erika Estis als Zeitzeugin im Rahmen einer Gedenkveranstaltung der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg, 2017. Signatur PER00788
Erika Estis in einem Restaurant in der Nähe des Michels während eines Besuchs in Hamburg, 2017. Signatur PER00791
Erika Estis, ihre Kinder und Freundin Astrid Louven an den Stolpersteinen, Grindelhof 30, Talmud-Tora-Schule, Hamburg, 2017. Signatur PER00790
Gedenktafel am Hannoverschen Bahnhof zur Erinnerung an die Deportationen, Lohsepark / Hamburg, 2017. Signatur PER00785
Stolpersteine für Paul Freundlich und Irma Freundlich vor der Hansa Apotheke und dem Wohnhaus, Fruchtallee, Hamburg, 2024. Signatur PER00783
Erika Estis erhält in den USA die deutsche Staatsbürgerschaft zurück, New York, Juli 2020. Signatur PER00789
Die Fotos stammen aus dem Familienarchiv Denise Rosenberg, Kim Estes-Fradis und Wayne Estes und sind Teil des Publikationsprojektes „Visualizing the Past – Creating the Future: Familienfotos – Familiengeschichten“.